Michael Patra

Kritik an der Widerspruchsmatrix

Die Hilfe, die die Widerspruchsmatrix bietet, wird oftmals bezweifelt. Dies liegt aber häufig daran, dass die korrekte Anwendung voraussetzt, dass der sich verbessernde Parameter und der sich verschlechternde Parameter korrekt bestimmt worden sind. Dieses ist oftmals gar nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Das Ziel, dass das Auto schneller fahren kann, könnte z.B. mittels der folgenden sich verbessernden Parameter beschrieben werden:

Geschwindigkeit (Parameter 14)
Kraft / Moment (Parameter 15)
Leistung (Parameter 18)

Wird als Mittel zur Erhöhung der Geschwindigkeit eines Autos der Motor stärker ausgeführt, so können hieraus verschiedene technische Widersprüche konstruiert werden.

Weiterhin bringt beim Aufstellen technischer Widersprüche eine gegebene Technologie oftmals nicht nur einen, sondern mehrere Nachteile mit sich. Jeder Nachteil kann dann durch einen anderen, sich verschlechternden Parameter abgebildet werden.

Wenn der Motor stärker wird,
dann kann das Auto schneller fahren,
aber es verbraucht mehr Benzin.
⇒ Energieverbrauch eines bewegten Objekts (Parameter 16)

Wenn der Motor stärker wird,
dann kann das Auto schneller fahren,
aber der Motor wird teurer.
⇒ Fertigungsfreundlichkeit (Parameter 41), Komplexität des Systems (Parameter 45)

Wenn der Motor stärker wird,
dann kann das Auto schneller fahren,
aber der Motor verschleißt schneller.
⇒ Zuverlässigkeit / Robustheit (Parameter 35)

Wenn der Motor stärker wird,
dann kann das Auto schneller fahren,
aber das Auto wird schwerer.
⇒ Gewicht eines bewegten Objekts (Parameter 1)

Drei verschiedene sich verbessernde und vier verschiedene sich verschlechternde Parameter ergeben bereits 12 verschiedene Kombinationen und dementsprechend 12 verschiedene Felder in der Widerspruchsmatrix. Die Anzahl der insgesamt vorgeschlagenen innovativen Prinzipien wird also so groß, dass der Sinn der Widerspruchsmatrix verloren geht. Dies ist aber nicht die Schuld der Widerspruchsmatrix, sondern primär die Folge einer schlechten oder fehlenden Entscheidung, was genau der sich verbessernde Parameter und was genau der sich verschlechternde Parameter ist.

Je nachdem, welcher Parameter verbessert werden soll, sind verschiedene Systemweiterentwicklungen möglich. Diese Weiterentwicklungsmöglichkeiten sollten durch die entsprechenden innovativen Prinzipien auch abgebildet werden. Ist das Ziel eine Vergrößerung von Kraft / Moment (Parameter 15), also der Beschleunigung des Autos, so kann ein Getriebe mit mehr Gängen hierbei helfen. Geht es dagegen nur um die höchste erreichbare Geschwindigkeit (Parameter 14), so ist die Anzahl der Gänge irrelevant. Verschiedene sich verbessernde Parameter ergeben also verschiedene sinnvolle Weiterentwicklungen des technischen Systems.

Genauso hängen sinnvolle Innovationen auch davon ab, welcher sich verschlechternde Parameter betrachtet wird, d.h., welchen Nachteil man umgehen möchte. Ist der sich verschlechternde Parameter das Gewicht eines bewegten Objekts (Parameter 1), so wäre der Umstieg auf einen Zweitaktmotor eine sinnvolle Optionen, da diese Motoren bei gleicher Leistung leichter sind. Wird dagegen der Energieverbrauch eines bewegten Objekts (Parameter 16) betrachtet, so wäre dieser Ansatz vollkommen kontraproduktiv.

Essentiell ist es also, sich bewusst zu werden, was das eigentliche Ziel und was der eigentliche Nachteil ist – für genau diese eine Kombination liefert die Widerspruchsmatrix ein Ergebnis. Selbstverständlich gilt auch hier, dass eine gute Entscheidung für diese beiden Parameter ein gutes Systemverständnis und Zielverständnis voraussetzt.

Neben dem ursprünglichen technischen Widerspruch kann oftmals auch ein invertierter technischer Widerspruch gebildet werden. Für diesen ergeben sich aus der Widerspruchsmatrix im Normalfall andere innovative Prinzipien als für den ursprünglichen technischen Widerspruch. Dies ist kein Designfehler der Widerspruchsmatrix, sondern ist vielmehr so beabsichtigt, denn die zu lösende Aufgabe ist in beiden Fällen unterschiedlich.

Ein Rennrad ist für hohe Geschwindigkeit auf gut asphaltierten Straßen auslegt, kann aber im Gelände nicht genutzt werden. Ein Mountainbike ist viel langsamer, ist aber auch im unwegsamen Gelände einsetzbar. Ein Trekkingrad (englisch: hybrid bike) steht in seinen Eigenschaften dazwischen.

Ein Rennrad ist ein Fahrrad, welches auf die Erzielung hoher Geschwindigkeiten optimiert ist. Es hat einen leichten Rahmen, keine Dämpfung und dünne Reifen mit einem hohen Luftdruck. Deswegen kann hiermit nur schlecht in unwegsamem Gelände gefahren werden. Soll ein Rennrad ist dieser Hinsicht verbessert werden, so ergibt sich der folgende technische Widerspruch:

Wenn Rahmen stärker, mehr Dämpfung, dickere Reifen,
dann bessere Geländegängigkeit,
aber kleinere Höchstgeschwindigkeit.

Die Invertierung dieses Widerspruchs ergibt:

Wenn Rahmen leichter, keine Dämpfung, dünnere Reifen,
dann größere Höchstgeschwindigkeit,
aber weniger Geländegängigkeit.

Dieser invertierte Widerspruch ergibt für ein Rennrad aber wenig Sinn, denn es hat bereits einen sehr leichten Rahmen, es besitzt keine Dämpfung und die Reifen sind sehr dünn. Dieser invertierte Widerspruch ist dagegen sehr wohl auf ein Mountainbike anwendbar. Er beschreibt nämlich genau die Probleme, die entstehen, wenn ein Mountainbike schneller fahren können soll.

Innovative Lösungen, um ein Rennrad geländegängiger zu machen, sind natürlich vollkommen anders als innovative Lösungen, um die erreichbare Höchstgeschwindigkeit eines Mountainbikes zu vergrößern. Und genau dieses ist auch in der Widerspruchsmatrix abgebildet. Weiterhin war es bei diesen beiden Beispielen so, dass jeweils nur einer der beiden technischen Widersprüche sinnvolle Ansätze für eine Weiterentwicklung des Systems bietet.

Ein Trekkingrad steht zwischen einem Rennrad und einem Mountainbike. Seine englische Bezeichnung „Hybrid Bike“ bringt sehr deutlich zum Ausdruck, dass es eine Mischung der beiden erstgenannten Fahrradtypen darstellt. Für dieses technische System ergeben sowohl der ursprüngliche als auch der invertierte Widerspruch Ansätze für eine Weiterentwicklung, zumindest sofern man nicht durch das Projektziel bereits eine bestimmte Richtung festgelegt ist.

Physikalischer Widerspruch